Kapitel 1: Nador → Aknoul

Von Schlangenangst bis zu den Tränen von Aknoul

Nador ist eine Hafenstadt im Norden Marokkos: viel Trubel, dichter Verkehr und ein faszinierendes Durcheinander. Für Radfahrer ist es nicht gerade das Paradies. Mein erstes Ziel war es, die Stadt so schnell wie möglich hinter mir zu lassen. Es dauerte gute zehn Kilometer, bis die Häuserreihen endlich den Landstraßen wichen.

"Die Abgase und der Lärm der Autos, deren Motoren oft klingen wie alte Traktoren, sind ohrenbetäubend. In Marokko wird gerne und viel gehupt."

Der erste Realitätscheck

Von Nador aus führte mich mein Weg Richtung Selouane, vorbei am Flughafen in Aroui bis nach Tiztoutine. Dort gab es den ersten marokkanischen Pfefferminztee in einem der klassischen Cafés, die es gefühlt an jeder Straßenecke gibt.

Ich unterhielt mich mit einem Mann über die Region, die stark von den Irifien geprägt ist. Er versicherte mir, dass die Gegend sicher fürs Wildcampen ist. Eine wichtige Info gab er mir noch mit auf den Weg: In der Region wimmelt es wohl von Schlangen. (Spoiler: Ich habe auf meiner gesamten Reise keine einzige lebendige Schlange gesehen.)

Staatliche Aufsicht

Außerhalb von Driouch nahm die Geschichte eine interessante Wendung: Der Inhaber eines Cafés informierte den örtlichen Sheriff über mein Vorhaben, dort zu zelten. Kurz darauf erschien der Beamte in Zivil, kontrollierte meine Personalien und gab mir seine Nummer für den Notfall.

Bikepacking Marokko

📍 Schlafplatz unter den Augen der Gendarmerie Royale.

Psychoterror im Rif

Rückblickend war ich extrem naiv: Keine Routenplanung, keine Höhenprofile, kein Plan. Die Etappe von Kassita nach Aknoul war der erste echte Test. 40 km Distanz und 700 Höhenmeter am Stück.

"Diese Strecke ist wie eine toxische Beziehung, aus der du einfach nicht rauskommst."

Es gab diese eine eiserne Regel: Du durftest unter keinen Umständen absteigen. Sobald du den Fuß absetzt, hast du durch die extreme Steigung und das massive Gewicht des Rads kaum eine Chance, wieder in den Tritt zu kommen. LKW ballerten mir ihre Abgase direkt in die Lunge, während ich nach Sauerstoff hechelte.

Aziz: Wahre Gastfreundschaft

In Aknoul traf ich Aziz. Ein absoluter Fahrrad-Nerd, der mich kurzerhand zu sich nach Hause einlud. Er wohnte in sehr einfachen Verhältnissen und führte mich stolz in ein Gästezimmer mit einem großen Doppelbett.

Der Moment, der mich völlig aus der Bahn warf, kam am nächsten Morgen. Auf dem Weg ins Bad sah ich Aziz und seine Frau auf dem nackten Boden schlafen.

Mir wurde schlagartig klar: Es gab kein Gästezimmer. Sie hatten uns ihr eigenes Ehebett überlassen. Mir kamen im Bad die Tränen.